Eine Nacht aus dem Leben einer Leseratte

Ich lebe nun schon sehr lange in diesem Schulhaus und sehe Tag für Tag laut lärmende Schülermassen ein- und ausgehen. Der Trubel macht mir eigentlich nichts aus, denn am Wochenende und nachts ist es innerhalb der Schulmauern mäuschenstill. Dann wird es für mich Zeit, in die Schülerbücherei zu huschen, wo einige literarische Kostproben auf mich warten. So war ich es gewöhnt bis zu jener Lesenacht am 30.11.1996, an die ich mich noch genau erinnere.

 

Leseratten 1Es war ein kalter, verschneiter Abend. Ich biss mich gerade durch einen dicken, vergilbten Abenteuerroman, als ich plötzlich fröhliche Kinderstimmen auf dem Gang hörte. "Nanu", dachte ich, "wer hat sich denn um diese Zeit in das Schulhaus verirrt?" Da ich an einer ziemlich zähen Textstelle angelangt war, beschloss ich, meine Lektüre liegenzulassen und nachzusehen, wer hier meine Ruhe störte.

Als ich an den Zimmern der Klasse 3a und 4b vorbeilief, konnte ich durch den Türspalt erkennen, wie zahlreiche Eltern ihren Kindern halfen, Luftmatratzen aufzublasen und Leselampen aufzubauen. Überall in den Klassenzimmern entdeckte ich Kuscheltiere, Kissen und warme Decken. "Das ist ja zum Mäusemelken! Die Kinder wollen tatsächlich hier übernachten!" schoss es mir durch den Kopf. Jetzt verstand ich auch, wofür die Ausstellungswände zum Thema: "Lesen macht stark" vor dem Lehrerzimmer gedacht waren. "Am Ende halten die hier sogar noch Unterricht!" kam es mir in den Sinn. Ich sollte mit meinen Befürchtungen Recht behalten.

Schon wenige Minuten später stand eine eifrige Kinderschar mit Fragebögen vor den Lernstationen und der abendliche Unterricht schien ihnen auch noch Spaß zu machen. "Na, das kann ja heiter werden!" murmelte ich und wollte mich in mein stilles Bücherreich zurückziehen - doch zu spät! Nun war nämlich eine Einführung in den Büchereibetrieb angesagt. So musste ich schweren Herzens zusehen, wie meine liebsten Bücher, die ich mir für diesen Abend aufgespart hatte, in Kinderhände gelangten und in die Klassenzimmer wanderten. Wenigstens war ich für eine Weile ungestört, denn jetzt lag diese Schülerbande gemütlich auf ihren kuscheligen Matratzen und schmökerte.

Leseratten 2

Fast wäre ich eingeschlafen, doch da vernahm ich ein lautes Gehopse aus der Turnhalle. Dort hatten sich die Kinder Buchstabenkärtchen angeheftet und mussten auf Kommando blitzschnell neue Wörter bilden. Als sie anfingen, Buchstabenfangen zu spielen, brachte ich mich vorsichtshalber in Sicherheit, denn beinahe wäre mir ein kleiner Dreikäsehoch auf meinen Schwanz getreten!
Bedauerlicherweise ging es auf den Gängen des Schulhauses genauso lebhaft zu! Hier befanden sich eine Reihe von Lesespiel-Stationen mit kniffligen Aufgaben. Diese mussten die Kinder lösen, um Hinweise zu bekommen, wo ihr Schatz versteckt war. War das ein Hallo, als die Schatzsucher ihre Kistchen entdeckten!

"Irgendwann muss diese Rasselbande doch einmal müde werden!" grübelte ich, "schließlich ist es bald Mitternacht!" Und richtig! Allmählich wurde es im Schulhaus leiser. Aus den Zimmern drang nur noch sanfte Musik oder die Stimme der Lehrerin, die den Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorlas. "Na, endlich!" freute ich mich und machte mich wieder an meinen angeknabberten Abenteuerroman in der Bücherei heran.

Auf einmal drang ein verlockender Duft nach Marmelade, Obst, Gebäck und Kakao an meine feine Nase. Mein kleines Leserattenherz begann beim Anblick der Köstlichkeiten, die von fleißigen Muttis in der Aula für das gemeinsame Frühstück aufgebaut wurden, höher zu schlagen! Ich glaube, kein Kind ahnte an jenem Morgen, dass ich mich heimlich an ihrem Frühstücksbüffet bedient hatte. Wenn ich es mir recht überlege, wären weitere Lesenächte eigentlich gar nicht so schlecht ...

Leseratten 3 Leseratten 4

R. Janovsky / S. Schulz

 

   
   
   
   
   
   

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