Zeitzeugen im Unterricht:

Mietek Pemper

"Hassgefühle habe ich mir abgewöhnt ... "

Im Herbst 98 erzählte mir eine Studentin von einer beeindruckenden Veranstaltung mit einem gewissen "Mietek Pemper" an der Uni Augsburg und legte mir nahe, diesen Mann in den Unterricht zu holen, wenn das Thema Holocaust behandelt würde.

Damals wusste ich mit diesem Namen nichts anzufangen. Erst als im Oktober 99 die AZ im Zusammenhang mit dem Fund des "Schindler-Koffers" in Hildesheim ein Interview mit "einem der letzten überlebenden Schindler-Juden" veröffentlichte, erinnerte ich mich wieder an den Namen Mietek Pemper.

Ich rief ihn an und fragte ihn, ob er zu einer schulischen Veranstaltung "zu haben" wäre. Spontan gab Herr Pemper die Zusage: "Ich kann so eine Einladung eigentlich nicht ablehnen, da ich es als meine Verpflichtung sehe, meine Erfahrungen an die junge Generation weiterzugeben."

Und so kam es am 25. November 99 zu einer "Geschichtsstunde der besonderen Art", an der rund 120 Neuntklässler/innen der Goethe- und der Schiller-Schule zusammen mit ihren Lehrkräften teilnehmen durften. Herr Pfr. Zimmermann stellte uns dankenswerterweise den Pfarrsaal "Unsere Liebe Frau" zur Verfügung, der ein ideales Ambiente für eine solche Veranstaltung abgab.

Pemper 01

Im Unterricht hatten die Schülerinnen und Schüler einen Fragenkatalog erarbeitet, anhand dessen Herr Pemper die für ihn so aufwühlend-unheilvolle Vergangenheit lebendig werden ließ. Man spürte förmlich das Entsetzen, als er Szenen schilderte, wie der grausame Lagerleiter Amon Göth seine Hunde auf jüdische Häftlinge hetzte, Szenen, die in keinem Film gezeigt werden konnten. Man nahm Pemper aber auch ab, als er auf die Frage, ob er Göth für dessen Taten immer noch hasse, sagte:

"Hassgefühle habe ich mir abgewöhnt.“

Pempers Mission hieß nicht Rache oder Anklage, sondern er machte deutlich:

"Schuld ist immer nur individuell. Man kann und darf nicht für die Schuld einiger weniger ein ganzes Volk verantwortlich machen."

Ihn interessierte vielmehr, wie es dazu kommen konnte, dass z. B. ein Mann wie Göth, der aus sogenannten "gutbürgerlichen Verhältnissen" stammte, sich zu einer kaltherzigen, menschenverachtenden Bestie verwandelte.

Dass es auch anders ging, hatte Pemper gleich am Anfang seines Vortrages an einem Vorfall erläutert, dessen Augen- und Ohrenzeuge er gewesen war:
Ein junger SS-Mann weigerte sich standhaft (und todesmutig!) mit den Worten "Ich kann das nicht!" eine Anweisung Göths auszuführen und eine Jüdin zu erschießen. Offenbar war Göth so verblüfft über diese Befehlsverweigerung, dass er den jungen Soldaten nur zu einer zeitlich befristeten Ausgangs- und Beförderungssperre verdonnerte ...

Pemper wollte damit klar machen, dass nicht jeder Deutsche ein Kriegsverbrecher war. Er appellierte an die junge Zuhörerschaft, einen Menschen stets nur nach seinen Taten zu beurteilen und nie nach irgendwelchen Rassen- oder Nationalitätenzugehörigkeiten.

Pemper 02

1993 war Pemper als Berater des weltberühmten Regisseurs Steven Spielberg bei den Dreharbeiten zu "Schindlers Liste" für eine Woche in Krakau gewesen. Zu diesem Film, den alle Schülerinnen und Schüler zuvor angeschaut hatten, gab es zahlreiche Fragen. Herr Pemper erläuterte z. B., warum in diesem Schwarzweißfilm ein Mädchen in einer Szene einen roten Mantel trug, warum aus dramaturgischen Gründen einige Tatsachen verfälscht werden "mussten" und er "outete" den "großen Spielberg" als notorischen Nägelkauer ...

Wir erfuhren auch, dass Spielberg diesen Film zu Ehren seiner jüdischen Mutter drehte und an diesem Werk nichts verdienen wollte. Vom riesigen Erfolg war nicht nur er selbst, sondern auch Mietek Pemper überrascht, wie dieser unumwunden eingestand.

Ein weiterer Themenbereich war Pempers Beziehung zu Oskar Schindler. Er schilderte diesen als gutaussehenden, ehrgeizigen Unternehmer, der mit den Nazi-Größen gemeinsame Sache machte, um billige Arbeitskräfte für seine Firma zu bekommen. Erst als er die wahren Ausmaße der Judenvernichtung mitbekam, wandelte Schindler sich zum Freund und Beschützer "seiner Juden". Unter großem persönlichem Risiko und Einsatz seines gesamten Vermögens gelang es ihm, genau 300 Frauen und 700 Männer vor dem Vernichtungslager Auschwitz zu bewahren, indem er sie auf seine berühmt gewordene "Liste" setzte und sie als Arbeitskräfte für seine Emailfabrik anforderte.

Pemper bezeichnete diese Rettungsaktion als "in ihrer Art einmalig". Schindlers Selbstvorwürfen ("Ich hätte noch viel mehr Menschenleben retten müssen!") entgegnete Pemper mit den Worten, die in dem Ring eingraviert waren den Schindler von seinen Juden zum Abschied geschenkt bekommen hatte:

''Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt!"

In den rund eineinhalb Stunden seines Vortrages war es Herrn Pemper gelungen, die Zuhörerschaft in seinen Bann zu ziehen - nicht durch irgendeine "Multimedia-Show", sondern durch die Kraft schlichter Worte, denen jeder anmerkte, dass sie authentisch waren, ausgesprochen von einem Mann, der dieses düstere Kapitel der Geschichte selber durchlebt und durchlitten hat. Der Name "Mietek Pemper" ist jedenfalls seit diesem Vormittag jedem ein Begriff, der diese eindrucksvolle Veranstaltung miterleben durfte.

Werner Kühne

   
   
   
   
   
   

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